Referenzen - Gästeimpressionen

Aconcagua-Tagebuch
Aconcagua mit Südwand (links) und Polish Glacier (rechts)


Sa 5. Februar 2000

Im Sturm verlassen Roli und ich das Camp 1 auf 4900 m. Langsam wie Schnecken schrauben wir uns die Serpentinen hoch. Unser Ziel scheint so unerreichbar wie der Mond, das Vorhaben sinnlos. Ich wage gar nicht an den morgigen Gipfelsturm zu denken. Auf die Stöcke gestützt mache ich ein weiteres Schrittchen, nur keine Hast, sonst werde ich zu einer weiteren hässlichen Pause gezwungen. Ueber die Bergstöcke gelehnt, nach Sauerstoff ringend. Doch alles Schnaufen nützt nichts, mit jeder Ventilatonspause schwindet meine Kraft, meine Motivation. Gestern waren wir noch voller Freude zum Camp 1 hochgerannt, vorbei an frustrierten amerikanischen Bergsteigern, die uns ziehen lassen mussten. Wir hatten die entscheidenden paar Tage Akklimationszeit mehr drauf.

Tränen für Pia, die beim Springen auf dem Trampolin den zu frühen Herztod starb. Herbst 1984. So verdammt lang her, und alles kommt zurück. Was abgestreift, überwunden schien erfüllt meinen Geist, da ist nichts was eine Flucht ermöglicht. Sie geleitet mich, Ikone, Heilige. Berggöttin.

Mit dem Erreichen des Ameghino Col wird der schneidende Wind zum Schneesturm. Der polnische Bergsteiger grinst schelmisch aus dem lottrigen Vaude-Zeltchen, das bedenklich flattert. Wie lange sie wohl schon an diesem vergessenen Ort campen? Nicht leicht, die vier fünf Liter Wasser Tagesration zusammenzubringen. Der Körper baut ab, Lethargie und Kraftlosigkeit. Die Höhendeterioration beginnt schleichend und trifft sie erbarmungslos. Ich bin froh, dass Roli das Zelt trägt, das Micky beim letzten Vorstoss deponierte. So bleiben mir ein paar Gaskartuschen, der Rucksack bremst mich schon genug. Bald muss ich ihn ziehen lassen, er kommt im Schneegestöber gut voran. Seine Höhenerfahrung aus Equador ist hier Gold wert. Einfach ein Schrittchen nach dem anderen, an nichts denken und aufmerksam bleiben.

 

 

Beat im Aufstieg zum Camp II
Lenzinger lag bleich auf dem Spitalbett, spärliche Atemzüge, schwer und röchelnd, immer grössere Pausen kündigten den Tod an. Iris, die ältere Krankenschwester, hatte über das Rufsystem den Alarm ausgelöst, Ich war ihr sofort zu Hilfe geeilt. Gemeinsam hatten wir das Bett aus dem Viererzimmer in einen freien Raum geschoben und uns für die Reanimation vorbereitet. Iris begann mit der Herzmassage, ich hatte den Unterkiefer von Lenzinger nach vorne geschoben, den Kopf überstreckt. Beatmete mit der Taschenmaske. Bald gab Maya Entwarnung, der Assistenzarzt wollte auf eine Wiederbelebung verzichten, der schwer gefässkranke Patient mit der nekrotischen, schwarzen Grosszehe, der morgen hätte ins Pflegeheim entlassen werden sollen, durfte friedlich sterben. Ich fasste die rechte Hand des Sterbenden, mit der anderen stützte ich den Kopf. An der anderen Bettseite stand Iris, die ruhig die linke Hand hielt. Lenzingers Atempausen wurden lang, die Pulse am Handgelenk waren nicht mehr tastbar. Mit dem Stethoskop hörte ich das Brodeln in der Lunge, kein Ton einer vernünftigen Herzaktion. Rezitierte das Mantra des Mitgefühls still vor mich hin, es klang tief und fest in meinem Kopf. Wünschte Lenzinger eine gute Reise. Der unspektakuläre Tod passte zu dem skurrilen Patienten, der in den letzten Tagen immer auffällig guter Dinge war. Wir harrten aus an seinem Bett, da war keine Trauer, der Raum war erfüllt von Stille, Frieden. Die letzten Schritte im Leben waren so unausweichlich und klar, Lenzinger hatte einfach losgelassen und war gestorben. Später, beim Reinigen des Leichnams, fühlte ich tief in mir den ewigen Kreis von Tod und Wiedergeburt, war mir dessen sicher. Dieses Leben war eine Leihgabe, ich nahm dessen Inhalte endlich ohne widerstreben an. Wollte, musste nicht mehr länger beweisen, dass ich ein starker Held war. Ich brauchte nicht zu suchen, mein Lebenspfad würde mich führen.
    Michi im Basecamp

Der Pass und das Zelt unter uns sind im Schneesturm kaum zu erkennen, ich erwache aus dem Tagtraum, bemerke, dass ich weiter steige, langsam, behutsam, sorgfältig. Zeit hat keine Bedeutung, wir wandern hier auf der Milchstrasse, in die mein Blick nachts im Base Camp versinkt. Hoch am Firnament der Sirius, der Hundsstern. Er war bei den Aegyptern Anubius, der schakalköpfige Wächter der Totenstadt. Wir reisen am Himmel, sind auf dem Pfad. Das muss der Sinn des Lebens sein. Kalte Flocken auf meinem Gesicht, sie wecken mich. Konzentriert schlurfe ich weiter, mein Partner nicht weit vor mir. Quälend, das Camp so nah vor mir zu haben. Bin der Hamster im Rad, Zauberei. Ich lasse mich auf das Schotterfeld fallen, atemlos. Liegenbleiben. Endlos müde. Roli holt mich zurück auf die Beine, ins Leben. Ja, gleich haben wirs, noch das eine und andere Schrittchen. Atemlose Vakuumgefühle.

Gemeinsam entreissen die zwei Gestalten das dünne, flatternde bisschen Stoff dem Sturm, immer wieder. Hämmere die Alunägel in den Schutt, der nach wenigen Zentimetern beinhart gefroren ist. Beschwere mit zu leichten Andesitbrocken die Zeltschlaufen. Ein paar Meter hinter uns ein vermeintliches Materialdepot. Erst Tage später, im Base Camp, erfahren wir, dass es die gefrorenen Leichen von vier Argentiniern sind, die im Januar am Polish Glacier verunglückten. Fein säuberlich aufgeschichtet, unauffällig zugedeckt mit einer Plane. Gut, dass wir es jetzt nicht wissen, bemerken! So richten wir sorglos unser Camp 2 auf 5800 m ein, schmelzen Schnee, verkriechen uns in den Schlafsäcken. Trinken literweise Suppe. Warten auf das Nachlassen des Sturms. Immer wieder reisst mich das Heulen der Böen, das Knattern der Zeltwand aus dem Schlaf.

 
     

Polish Glacier...bei schönem Wetter  

So 6. Februar 2000

Kurz nach Mitternacht weckt mich der Harndrang - habe nicht zu wenig getrunken - und nach dem herumnesteln am Zipper eröffnet sich ein dramatisches Panorama: Ueber dem Osthorizont leuchtet ein wahres Feuerwerk von Blitzen, pausenloses Zucken, ich blicke aus dem Himmel auf die Wolken herab. Es dürfte die Gegend um Mendoza sein. Der Schnee liegt im Windschatten um die zehn Zentimeter hoch, der Sturm hat zugelegt und fegt über unser Zelt, reisst an den Verspannungsleinen. In der Dämmerung wird uns klar, dass heute der Gipfel unerreichbar ist. In der Zeltapsis -15°C, der Wind sturmesstark. Dazu eine verschneite Route. Wir wollen unser Leben nicht leichtfertig hinwerfen, kein Gipfel dieser Welt ist es wert.

Ein paar hundert Meter tiefer bereits zweifeln wir an unserem Entscheid, obwohl der Gipfel des Aconcagua sich wolkenverhüllt, sturmumtost präsentiert. Nur jene, die da oben waren, werden unsere Entscheidung zur Umkehr verstehen. Und der Abstieg, die Heimkehr ist das Wichtigste überhaupt ...

 

Beat Karrer


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