Referenzen - Gästeimpressionen

blankeis am biancograt



Di 27. Juni 2000

Wir steigen über den steilen Firnhang auf zur Fuorcla Prievlusa. Gemächlich, achtsam. Die Steigeisen krallen sich fest. Michi warnt Regie und mich. Sturzgelände. Ich gewähre mir keinen Augenblick Unaufmerksamkeit. Musik im Kopf, seit wir in der endenden Dämmerung den Biancopfad verliessen, auf dem Tschierva-Gletscher anseilten, mit klammen Fingern die Steigeisen montierten. Trete fest auf den Firn, im Rhytmus der trockenen Pianoklänge.

I'm aware what the rules are but you know that I will run
you know that I will follow you over silbury hill through the solar field
you know that I will follow you...
tori amos 1000 oceans

In der Scharte empfängt uns kalter Sturmwind. Meist am kurzen Seil klettern wir die teilweise vereiste Felsflanke hoch, die Steigeisen kratzen am Granit. Die Bewegungen werden flüssiger, bald steigen wir im gleissenden Sonnenschein. Vor uns ragt der Biancograt auf, Licht und Schatten vereinigen sich in der Kante. Einsamkeit. Ameisen gleich krabbeln wir weiter hoch, saugende Tiefe zu beiden Seiten. Eisige Böen fegen Schneewolken über den Grat, bald erreichen wir Blankeis. Michi setzt flink eine Eisschraube, ich hacke genüsslich eine Standstufe, aber der schneidende Sturm lässt die Füsse innert Minuten taub werden. Fühle mich grossartig. Der Kopfschmerz, der mich gestern Abend quälte, ist verschwunden. Ich schaffte es nach dem Abendessen gerade noch zum Plumpsklo und erbrach mich, Brei im hämmernden Kopf Gedanken wie Blitze azurblaue Augen besorgtes Lächeln hing fest Nadelstiche hinter den Augen blutendes Herz.

Michi sichert uns die zwei steilen Seillängen hoch, die Stahlzacken hacken am mürben Eis herum und finden wenig halt. In Trance stehen wir auf dem Gipfel des Piz Bianco, noch steht uns eine lange Felspassage bevor, fantastische Granitblöcke, wundervolle Kletterei. Immer luftig ausgesetzt geht die Reise weiter, der Gratlinie folgend über Obelisken und tiefe Scharten. Nach zehn Stunden Anstrengung und Sturmwind liegen wir auf dem Gipfel der Bernina. Regie und Michi dösen, ich trinke die Kristalle am Horizont, atme den Himmel.

Der Firn am Spallagrat ist weich und rutschig, doch unser Bergführer bleibt gelassen. Er hat wohl schon genug gesehen, um unsere Kletterkünste zu beurteilen. Bisher gab es kein einziges Stolpern. Doch da sind beidseits 50-Grad-Flanken, fauler Firn! Erleichtert erreichen wir nach dem heiklen Abstieg den Gletscher. Eine Rutschpartie bringt uns schnell zum Rifugio Marco e Rosa. Im muffigen Hüttchen schmelzt der Benzinkocher pausenlos Schnee, wir sind durstig wie verirrte Wüstenwanderer. Der Himmel überzieht sich mit feinen Cirren, nachts rüttelt der Sturm kräftig am Häuschen.

 

Mi 28. Juni 2000

Wolken und Wind, gelegentliche Schneeschauer begleiten uns, als wir unter der Bellavista nach Osten queren und zur Fortezza absteigen. Der nasse Fels verlangt aufmerksames Abklettern, Michi lässt mich vor - ich gebe mein bestes und versuche, für Regie den einfachsten Weg zu finden. Wir klettern ohne Steigeisen. Auf dem Vadret Pers breche ich ohne Vorwarnung mit dem rechten Fuss in eine verdeckte Spalte, versinke bis zum Oberschenkel. Mit Seilzug, Pickeleinsatz robbe ich hoch, nur weg hier zum blauen, aperen Gletscher! Wir springen über endlos tiefe Spalten, aber hier verstecken sie sich nicht! Den Wettlauf gegen den Gewitterregen die 250 Meter hoch zur Diavolezza gewinnen wir. Sitzen gemütlich bei der zweiten Literflasche Rivella und futtern was die Küche hergibt, als der Regen ans Fenster prasselt. Zur richtigen Zeit am rechten Ort. Den Traum erfüllt, ein Teil von mir am Berg zurückzulassen. Die Bernina-Göttin mit dem weissen Rückgrat hat mich herzlich empfangen. Lässt mich dereinst Chomolungma auch erst kotzen, bevor ich einen Besuch wagen darf? Auch der Biancograt war einmal ein Traum ... Wer weiss?

Beat Karrer


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