Referenzen - Gästeimpressionen


blankeis am biancograt

version 2




Mo 26. Juni 2000

Dankbar tätscheln wir den zwei braunen Pferden den Hals. Sie drehen uns ihre Köpfe entgegen, schauen uns mit grossen, sanften Augen an. Die beiden haben uns tapfer durchs ganze Val Roseg bis hinauf zum Hotel gezogen und somit 1,5 Stunden Fussweg abgenommen. Jetzt gehts auf den eigenen Beinen weiter. Ein gemütlicher Anstieg. Argwöhnisch mustere ich die mir noch unbekannte Drittperson. Beat heisst er. Sieht nett aus. Und sportlich. Aber er raucht. Folgedessen kann er nicht so fit sein. Wie man sich doch täuschen kann...Michi ist ein guter alter Bekannter, ihn kenne ich schon. - Wie lieblich sie ist, diese Landschaft, die Tannen, die einen würzigen Duft verbreiten, das plätschernde Bächlein, die schneebedeckten Berge im Hintergrund.

Ein feines Nachtessen erwartet uns in der Tschiervahütte. Spaghetti, Kohlenhydrate für den morgigen Tag. Wir lassens uns schmecken. Die Nacht ist kurz, Tagwache um 03.00 Uhr. Ich wälze mich hin und her, kann nicht schlafen. Die Wolldecken beissen immer ein bisschen. Aber heute jucken sie speziell stark. Ich friere! Bin ich nervös wegen der bevorstehenden Tour? Neidisch denke ich an Michi. Er liegt im komfortablen Bergführerzimmer und geniesst die molligweichen, warmen Duvets. Neben mir liegt Beat, schnarcht leise und scheint den Frieden auf Erden zu haben. Schliesslich rapple ich mich auf und schnappe mir auch so ein Duvet!

Di 27. Juni 2000

Am Morgen fühle ich mich, wie wenn wir die Tour schon hinter uns hätten. Müde, mit bleischweren Knochen. Beat sieht frisch aus, unternehmungslustig, ausgeruht. Und Michi? Macht einen verschlafenen Eindruck. "Bist du auch noch so müde?" versuche ich ihm ein Geständnis zu entlocken. Ein unverständliches Grummeln lässt uns im Unklaren.

Ein Sonnenaufgang in den Bergen ist, wie wenn das Gemüt zu neuem Leben erwacht. Wir haben die Fuorlca Prievlusa und die kleine, originelle Felskletterei hinter uns und staunen nun dem berühmten Biancograt entgegen. Er erscheint mir imposanter, weisser, länger als auf den Bildern. ....und steiler! Viel steiler! Ich riskiere einen Blick nach unten. Und schlagartig bin ich hellwach! Da steht doch Beat und dreht sich seelenruhig eine Zigarette.

 

 
Ein eisiger Wind fegt über den Grat und erinnert uns mit unsanfter Kälte daran, dass wir uns in alpinem Gelände befinden. Michi führt mit Sicherheit, dass man meinen könnte, er sei auf einem Sonntagsspaziergang. Im oberen Teil des Biancogrates fehlt es leider ein bisschen an Schnee. Aber was heisst da leider? Für was hat man denn Eisschrauben? Wir geniessen die Kletterei. Nach dem Piz Bianco lacht uns der Grat des Piz Bernina entgegen. Guter Fels, fast kein loses Gestein, herrlich. Ausser dem Kratzen der Steigeisen auf dem Fels ist die Landschaft in vertrautes Schweigen gehüllt. - Die Augen meiner Kollegen erstrahlen in glanzvoller Begeisterung. Und ich? Bin auch begeistert, aber mir steht wohl eher die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Dieser Grat zieht sich in die Länge....immer, wenn ich meine, wir sind oben, ist es nur wieder so ein Felsturm vor dem Gipfel.

Aber dann, endlich die Belohnung! Welch herrliche Aussicht! Geschafft! Pause! Zigaretten für die einen, frische Luft für die anderen. Ich frage mich, ob Rauchen wirklich schädlich ist....Beat scheint so quitschfidel. Wird er denn gar nie müde? Runter gehts über den exponierten Spallagrat in die Marco e Rosa Hütte. Sie ist unbewartet. Wir basteln uns ein Nachtessen und teilen sittsam mit einer Zweierseilschaft, die mehr oder weniger unfreiwillig auch hier gelandet ist. Ein gemütlicher Abend. Eine angenehme Nacht. Die Wolldecken jucken weniger, die Müdigkeit ist grösser, die Nervosität ist verflogen. Wind lässt die kleine Hütte erzittern und kündet schlechtes Wetter an. 

Mi 28. Juni 2000

Sodass wir am nächsten Morgen den direkten Weg über die Bellavista-Terrasse und den Fortezza-Grat zur Diavolezza nehmen. Frisch ausgeruht geniessen wir die Tour trotz des nicht so sensationellen Wetters.....und studieren schon wieder an Touren herum, die wir mit unserem wertvollen Führer in den nächsten Jahren noch vorhaben.

Danke, Michi!

Regie Fontanive