Referenzen - Gästeimpressionen

Monte Rosa "klassik"

Capanna Margherita

...auf dem Gipfel der Signalkuppe 4554m



Mi, 9. August 2000

Ein sonderbarer Berg, die Punta Gnifetti. Bereits 1842 erreichte Pfarrer Giovanni Gnifetti aus Alagna mit einem halben Dutzend Führern und Trägern den Gipfel. 1893 dann wurde von der italienischen Königin das Schutzhaus eingeweiht, damals eine karge Hütte. Daher der Name, der mich an eine knusprige Pizza denken lässt. Ich vertilge eine kräftige Suppe, bald darauf ist das leise Hämmern im Kopf verschwunden.

Wir kamen gegen Mittag in die recht komfortable Unterkunft, nachdem wir vom Rifugo Citta di Mantova aufsteigend ein paar einfache Gipfel abgeklappert hatten: Corno Nera, 4321 m. Ludwigshöhe, 4341 m. Parrotspitze, 4432 m. Einzig am ersten Berg war leichte Felskletterei gefragt. In dieser Höhe geht das nicht so leicht, wie man es sich, auf dem sicheren Sofa sitzend, ausmalt. Der Geist ist beflügelt von der weiten Stille, vom prächtigen Panorama. Doch die Lungen brennen, alles geht gemächlicher, verlangt Zeit. Und die Aufmerksamkeit schwindet, die Gedanken schweifen ab... Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich den scharfen Firngrat verliess in eine Traumwelt. Ein simples Stolpern hätte unsere Viererseilschaft in arge Bedrängnis gebracht. Vielleicht hätte Bergführer Michi den Sturz verhindert. Doch gibt es genug traurige Geschichten von Gruppenflügen über endlose, steile Firnflanken. Mit wachsender Geschwindigkeit gibt's keinen Halt mehr, ein Knäuel aus Seil, Bergsteigern, Pickeln schlittert hinunter. Die scharfen Zacken der Steigeisen tun das ihre, so sind die Prognosen düster, auch wenn der Sturz im sanften Auslauf endet und nicht im Schrund. So zwang ich mich, den drei Kameraden vor mir, verbunden am kurzen Seil, wach und aufmerksam zu folgen.

Die Margherita wurde 1980 durch einen zweistöckigen Holzbau ersetzt, inzwischen werden alle Abfälle, auch die Exkremente der Besuchermassen, ausgeflogen. So erstaunt es kaum, dass wir aus Plastikgeschirr essen. Das Trinkwasser wird aus Schnee geschmolzen und ist somit zu kostbar für den Abwasch. Die Suppe war vorzüglich, vor der Hütte sitzend lasse ich mir ein Zigarettchen schmecken. Viel Auslauf haben wir nicht auf der Signalkuppe, ostwärts verliert sich die riesige Steilwand in der Quellbewölkung. Westwärts all die Walliser Viertausender, ich kann mich kaum sättigen am Panorama. Inzwischen sind wir recht gut akklimatisiert, die letzten vier Nächte verbrachten wir auf über 3000 Metern. Ich steige die Treppe hoch zu unserem Schlafzimmer. Gemütlich einladend ist der Raum mit der Holztäfelung, mit bloss sechs Betten ein angenehmer Kontrast zu den riesigen Sälen in den tiefer gelegenen Hütten. Ich klettere auf das obere Kajüttenbett und studiere die Landkarte. Döse. Träume vor mich hin. Seit gestern quält mich eine Diarrhöe. Ob die Dörraprikosen schuld sind? Mit ein paar Kapseln Imodium wird sich das wohl bald legen.

  Gipfel der Parrotspitze ...im Hintergrund Signalkuppe
     

Sonst war die Tourenwoche bisher sehr angenehm verlaufen. Trotz einem Tag Rückstand, als wir auf der Station Klein Matterhorn vergeblich auf ein Abziehen des Schneesturms warteten und einen Vorstoss zum Breithorn nach zehn Minuten abbrachen, konnte Michi alle geplanten Gipfelbesteigungen führen. Das Wetter war dann ausgezeichnet und so mild, dass die Jacken meist im Rucksack blieben. Einzig der Aufstieg zum Naso del Liskamm, 4272m, war frostig kalt. Doch kaum gelangten wir in sonnige Gletscherbecken, war die Wärme bald unangenehm.

Ich denke, wir sind eine gutes Team. Michi, der junge Bergführer, bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit im schwierigen Gelände und kennt sich aus mit Sprache, Land und Leuten. Es ergeben sich immer wieder interessante Gespräche mit Bergführern. Bald weiss ich über die Bedingungen an den wichtigen Bergen, in den Routen bescheid. Bisher wurde in diesem Sommer, zumindest von den Zermatter Führern, der Hörnligrat am Matterhorn kaum begangen. Und mit dem Neuschnee von letzter Woche müssen sich die Anwärter offenbar noch ein paar Tage gedulden. Ja, mit der heurigen Saison sind die Führer alles andere als zufrieden. Der Juli war im Hochgebirge miserabel...

Bruno ist wenig älter als ich, ein recht erfahrener Bergsteiger und konditionell gut drauf. Er ärgert sich über meine unbeholfenen Versuche, mich abends am Jass zu beteiligen. Kaum der rechte Ort für einen blutigen Anfänger, dazu noch ungewohnte deutsche Karten... Nun, bei einer Runde Genepy, die Michi spendiert, verfliegt jeder Missmut nach dem lausigen Spiel. Der Digestiv, aus verschiedenen Artemisia-Sorten gebraut, ist in jeder der italienischen Hütten erhältlich. Die Edelraute ist kaum mehr als Heilpflanze in Gebrauch, bekannter und berüchtigt ist der nahe Verwandte Wermut, Artemisia absinthium und der daraus bereitete Absinth. Angeblich soll man ihn im Val de Travers ob Neuenburg, trotz Verbotsartikel in der Bundesverfassung, noch auftreiben können. Der Genepy riecht streng nach Medizin, der bittere, würzige Geschmack beruhigt unsere strapazierten Magennerven. Geradezu ein perfekter Schlummertrunk!

Blick vom Breithorn E-Gipfel  

Hans, der ruhige Kamerade in den Fünfzigern, hat sich wie üblich schon früh in die Koje verdrückt. Er war noch nicht oft an den hohen Bergen unterwegs und diese Tourenwoche ist offenbar der Höhepunkt seiner alpinen Ziele. Sein Platz am Seil ist gleich hinter Michi - stets unter dessen aufmerksamen Kontrolle. Als dritter Bruno. Ich stets zuhinterst. Was bedeutet, dass ich die steileren Abstiege immer vorgehen darf. Ich entwickle bald ein Gespür für den rechten Weg, fürs richtige Tempo, das auch Hans halten kann. Michi lässt mir weitgehende Freiheit und gibt mir bloss in groben Zügen den Weg vor. Meist eine kinderleichte Aufgabe in ausgetretenen Pfaden. Nachdem ich allerdings unter dem Breithorn im steilen Firn in eine verschneite Spalte trat - Bruno folgte ebenfalls, doch glücklicherweise war sie nahezu waagrecht, so standen wir bloss auf dem unteren Rand - ging ich die Abstiege vorsichtiger an.

Unsere Genepy-Runde müssen wir kurz nach zehn beenden, der Laden macht dicht. Nicht lange blicke ich, bequem im Bett liegend, auf die Lichter von Macugnaga hinunter, 3000 Meter in der Tiefe, bis ich in traumlosen Schlaf sinke.

Do, 10. August 2000

Kurz nach fünf piepsen die Armbanduhren der Bergsteiger, ich fühle mich ausgeruht und munter. Rasch tun wir uns am reichhaltigen Frühstücksbuffet gütlich, ich geniesse die Corn flakes und den starken Kaffee. Es folgt das übliche Durcheinander von zuvielen Menschen, die gleichzeitig ihre Sturmjacken und Klettergurte anziehen, die Steigeisen anschnallen wollen. Ich schnüre meine Stiefel und flüchte hinaus, wo ich in aller Ruhe meine Vorbereitungen für den Abmarsch treffe. Diese verdammte Schnalle vom Steigeisenriemen! Vorgestern machte ich einen ungeschickten Tritt darauf, die Plastikschnalle brach, seither muss ich mit einem Reepschnurstück improvisieren. Erst auf grossen Touren zeigen sich Schwachpunkte in der Ausrüstung. Es machen sich nutzlose Ausrüstungsteile und zuviel Proviant bemerkbar, die mitgeschleppt werden müssen. Doch heute wiegt das nicht mehr schwer. Da ist nur noch der kurze Aufstieg zur Zumsteinspitze, 4563m. Wir sind auf dem Dach der Tour, Michi liebäugelt mit der Dufourspitze, die verlockend nah vor uns liegt. Ein zwei Stunden kombiniertes Gelände. Wir sprachen die letzten Tage öfter über diese Option, letztlich entschied Michi dagegen. Es fällt mir schwer, zurückzusteigen. Bald fesseln mich aber die riesigen Spalten und Brüche auf dem Grenzgletscher, die Steigspuren in der grausig steilen Liskamm Nordwand. Da gilt es, sich zwischen unpassierbaren Felspassagen und drohenden Seracs einen sicheren Weg zu finden. Bald bin ich reif für eine einfachere Eiswand. Müssen ja nicht gleich tausend Meter sein!   Abstieg über den Grenzgletscher

Bahnhofplatz Zermatt. Quillt förmlich über vom geschäftigen Treiben der Reisenden. Ich mache mich nach dem Essen auf Einkaufstour, heute Nachmittag geht's schon weiter... Wandere ruhig durch die Gasse, deren Geschäftigkeit der Zürcher Bahnhofstrasse in nichts nachsteht. Ich bleibe innerlich ruhig und gefasst, da will kein Zivilisationsschock aufkommen. Ich freue mich sogar daran, durch die Menschentrauben zu gehen. Teil davon zu sein.

Beat Karrer


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