Referenzen - Gästeimpressionen
 

Snowboardtour auf den Pizol

Es sollte meine erste Tour überhaupt werden. Eine Probetour für mein eigentliches Projekt: Vor zwei Jahren entdeckte ich von meiner Wohnung aus ein wunderbares Firnfeld, das mich unwiderstehlich anfunkelt. Seit ich weiss, dass der Berg den gleichen Namen hat wie ich, sitzt die Idee fest in meinem Kopf: Dort will ich mit dem Snowboard runter. Ich bin jedoch ein absoluter Frischling in Sachen Touren, untrainiert und nicht schwindelfrei. Dario meinte, der Pizol sei eine gute Tour, um zu sehen, ob der Bächistock möglich sei.

Endlich gehts vorwärts! Ich schaufle mir einen Tag frei und besorge die Ausrüstung. Die Wetterprognose sieht einigermassen gut aus. Beim Aufstehen ists düster mit einem kleinen, hellen Streifen in Richtung Berge. Gegen Sargans hin zeigt sich am Himmel eine blaue Schneise, der Pizol ist gerade am Rand davon.

Dario beginnt mit der Schulung schon im Bähnli. Bei der Pizolhütte rüsten wir um: das Snowboard auf den Rucksack, die Schneeschuhe an die Füsse. Der erste kleine Hang ist ziemlich steil, wir müssen ein bisschen traversieren. Ich rutsche ab und merke, dass ich meine Füsse richtig in den Schnee drücken muss, damit ich genug Halt habe. Schreck, wenn das so weitergeht, schaff ichs nicht bis oben, schnaufe wie ein Pferd. Nach einem Bödeli gehts wieder ein kleines Stück hinunter. Mit Clicker-Schneeschuhen bergab gehen will gelernt sein. Erst beim zweiten Abhang begreife ich, dass ich die Fersen voran in den Schnee setzen kann, damits besser geht. Beim Aufstieg zum kleinen Pass haben wir zum Teil Gegenwind. Muss mich tief bücken beim Gehen, sonst fährt der Wind unter das Board und drückt mich abwärts! Über den Pass blästs tüchtig, unten beim zugefrorenen See ists ruhig, gerade richtig für eine Essenspause. Die Landschaft ist wunderschön, ich mitten drin, kanns gar nicht fassen! Nach dem See gehts über die Moräne und den Gletscher hinauf. Wir werden von starkem Rückenwind getrieben, merci! Das Wetter hat gekehrt, die Wolken sind tief, Schnee pfeift uns um die Ohren. Mir gehen Geschichten durch den Kopf von Bergsteigern, die vom Wetterumschlag überrascht wurden... Dario beruhigt mich. Ich werde immer langsamer, der Hang immer steiler und die Höhe macht sich bemerkbar. Wow, geschafft! Auf dem kleinen Sattel unter dem Gipfel schnallen wir die Schneeschuhe ab. Das letzte Stück auf den Gipfel nimmt mich Dario an die Leine. Oh, oh, jetzt wirds krisenmässig für mich. Tief atmen, nicht hinunter schauen, die Panik unterdrücken. Meine Schuhe haben unten Eisenplättchen, der Weg ist schmal und ein wenig eisig. Etwa zehn Meter unter dem Gipfel hängts mir aus, kann nicht mehr weiter. Stöhn, zurück muss ich auch! Für das letzte kleine Stück gibts eine Alternative: eine Rutschbahn. Ich habe Angst, habe das Gefühl, dass ich nicht bremsen kann unten. Dario redet mir gut zu und geht voraus. Es sieht gar nicht so wild aus. Fasse mir ein Herz und los. Schön!

Das Wetter hat sich schon wieder geändert. Plötzlich sind die letzten tiefen Wolkenfetzen weggefegt und wir haben die volle Rundsicht! Es ist wieder klar und hell, gute Bedingungen für die Abfahrt. Endlich stehe ich allein oben an einem grossen, weiten Hang! Hab ein bisschen weiche Knie vor Freude. Der Schnee verblasen, nix Powder, keine Sensation, ist mir egal. Mit dem Snowboard ist das sowieso nicht so schwierig wie mit den Skis. Ein paar grosse Schwünge und schon sind wir unten am Gletscher. So lange hoch laufen und so schnell bist du unten. Aber der Genuss ist doppelt so gross! Am Rand des Sees macht Dario mit mir eine Suchübung mit dem Barryvox. Hinter meinem Rücken versteckt er sein Gerät. Gebe mir Mühe nicht hinzuhören und er gibt sich Mühe, falsche Fährten zu legen. So ist das Ganze ziemlich echt, ich weiss wirklich nicht, wo er das Barryvox vergraben hat. Erstaunlich für mich, wie mit System gesucht wird und es auch tatsächlich klappt.

Als wir wieder auf die Piste gelangen, brauch ich einen Moment, um wieder in der Hightech-Zivilisation anzukommen. Es hat zu wenig Schnee für die Talabfahrt, beim Bähnli eine lange Kolonne, also ab in Spunte.

Fühle mich stark und glücklich. Das Beste ist, dass dieses Gefühl anhält. Touren wirken nachhaltig!

Carola Bächi